Die Traumzeit

In anderen Teilen der Welt bauten die Menschen Kirchen, Tempel und Moscheen, um den Göttern zu huldigen - in Australien nicht. Die Altäre der Aborigines schuf die Natur. Ihr bekanntestes Heiligtum ist der mächtige Monolith Uluru (Ayers Rock). Doch nicht alle Heiligtümer sind derart imposant und an manch einem unscheinbaren Wasserloch oder verwitterten Steinhaufen würden wir wohl achtlos vorübergehen ohne eine religiöse Bedeutung auch nur zu erahnen.

Die Ureinwohner Australiens glauben an keinen Gott, kennen weder Himmel noch Hölle, weder Päpste noch Pastoren. Dennoch sind sie keine Gottlosen. Das Land - ihr Land - ist ihnen heilig. Nirgendwo sonst kommt die tiefe Verwurzelung der Aborigines mit ihrem Land stärker zum Ausdruck als in ihren religiösen Anschauungen. Nach der Vorstellung der Aborigines wurde das Land von so genannten Ahnen- oder Schöpferwesen geschaffen. Diese schwebten einst über die körperlose Urmasse und gaben ihr Gestalt in Form von Bergen, Flüssen und Tälern. Gleichzeitig schufen sie alles Leben. Ob Tier, Pflanze oder Mensch alles und jeder erhielt seinen Sinn und seine Aufgabe und dadurch seine Bedeutung im universellen Ganzen. So begegnet jeder Aborigine allem Erschaffenen mit tiefem Respekt.

Nach getaner Arbeit zogen sich die Schöpferwesen wieder zurück in die Tiefe der Ozeane, in unterirdische Höhlen oder in den Himmel. Von dort aus beobachten sie ihr Land und wachen über die Einhaltung der Gesetze. Sie sind allgegenwärtig und können zu jeder Zeit und an jedem Ort Einfluss nehmen auf das Leben eines jeden Aborigines. Von dem Wirken dieser Schöpferwesen, ihrer göttlichen Kraft und Weisheit erzählen die Geschichten der Traumzeit.

Die Traumpfade zeichnen die Wege nach, die die Schöpferwesen auf ihren kreativen Reisen durch das Land einschlugen. Sie verbinden alle Orte, an denen bedeutende Ereignisse der Traumzeit stattgefunden haben. Von Zeit zu Zeit wandern die Ureinwohner zu diesen heiligen Stätten, um ihre Traumzeitwesen zu feiern. Während dieser so genannten corroborees nehmen sie durch Tanz, Musik und Gesang Kontakt zu ihren Ahnenwesen auf und durchspielen Ereignisse der Traumzeit. Von herausragender Wichtigkeit sind die Lieder und Geschichten, die während der Zeremonien weitergegeben werden. Sie enthalten nicht nur alles Wissen von den heiligen Stätten, seinen Gesetzen und Verhaltensmaßregeln, sondern auch praktische Informationen über das jeweilige Gebiet, wie z. B. Hinweise auf das Nahrungsmittelangebot oder auf permanente Wasserstellen.

Da die Ureinwohner keine schriftlichen Aufzeichnungen kannten, wurden die Lieder und Geschichten der Traumzeit von Generation zu Generation mündlich weitergegeben. Eine korrekte und lückenlose Weitergabe war dabei von existenzieller Bedeutung, denn kam es zu Unterbrechungen dieses Flusses, wie seit der Inbesitznahme des Landes durch die Briten, ging ein Teil ihrer Religion unwiederbringlich verloren. Das Gleiche gilt bei Verlust von heiligen Stätten, sei es durch Zerstörung oder durch Entweihung.

Mensch und Land bilden in der Ureinwohner-Gesellschaft eine unzertrennliche Einheit. Verliert der Aborigine sein Land, verliert er seine Identität, seinen Sinn und Lebenszweck - einfach alles.

Der Traum ist aus

Die Kultur der Aborigines gehört zu den ältesten und beständigsten dieser Welt. Hätte ihre Isolation nicht vor etwas mehr als 200 Jahren ein jähes Ende gefunden, würden sie wahrscheinlich im Wesentlichen immer noch so leben wie vor Tausenden von Jahren. Stets waren sie in der Lage gewesen, sich den drastischen Veränderungen ihres Landes und des Klimas anzupassen. Weder die dramatische Austrocknung des Kontinents und der damit verbundene Verlust ihrer Wasser- und Nahrungsquellen noch der steigende Meeresspiegel, der ihnen ein Viertel ihres Landes raubte, brachte die Aborigines aus dem Gleichgewicht, denn die Zeit war immer auf ihrer Seite gewesen. Alle diese Veränderungen hatten sich so langsam vollzogen, dass ihnen eine allmähliche Anpassung an die neuen Lebensbedingungen möglich gewesen war.

Als die Briten 1788 auf der Bildfläche erschienen, zeigten sie weniger Geduld. Invasion, Völkermord und Krieg sind drei Begriffe, die im Zusammenhang mit der schwarzweißen Geschichte Australiens gerne vermieden werden, dennoch beschreiben sie am ehesten, was wirklich geschah. Mehr und mehr weiße Siedler strömten nach Australien und beanspruchten mehr und mehr Land. Land, das sie den Aborigines stahlen. Diese mussten nun zusehen, wie Farmen und Siedlungen aus dem Boden schossen. ihr heiliges Land zerpflügt wurde und Kühe und Schafe dort grasten, wo sie einst Jagd auf Kängurus gemacht hatten.

Wagten einzelne Aborigines sich den weißen Eindringlingen zu widersetzen und ihr Land zu verteidigen, gingen die Kolonialherren nicht nur unerbittlich gegen die Widerständler vor, sondern oft gegen das gesamte Volk. So genannte Strafexpeditionen, während denen ganze Aborigine-Gruppen niedergemetzelt wurden, sind trauriger, wenn auch fester Bestandteil der schwarzweißen Geschichte. Auf Tasmanien, wo es wegen des begehrten Weidelands und der im Vergleich zum Festland herrschenden Enge zu den heftigsten Konfrontationen kam, lockten sogar hohe Kopfgeldprämien, an der offiziellen Aborigine-Jagd teilzunehmen. Dort bekam man 1828 für jeden gefangenen Erwachsenen £5 und für jedes Kind £2.48. Jahre später, am 7. Mai 1876, starb der letzte tasmanische Aborigine.

Die treibende Kraft bei der erbarmungslosen Verfolgung der Aborigines war meistens nicht die Regierung, sondern die weiße Bevölkerung, allen voran die Farmer. Sie hatten für ihr Land bezahlt und fühlten sich nun im Recht, dieses mit allen Mitteln zu verteidigen. Selbst vor so niederträchtigen Methoden wie dem Austeilen von vergiftetem Mehl schreckten sie nicht zurück. Konsequenzen hatten sie kaum zu fürchten, schließlich wurde das Töten eines Aborigines von vielen Richtern noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts als Kavaliersdelikt betrachtet.

Für ein rasches Sinken der Aborigine-Bevölkerung sorgte jedoch nicht nur die Selbstjustiz der Weißen, sondern auch eingeschleppte Krankheiten wie Masern, Grippe oder Pocken. Sie waren eine zu große Herausforderung für das Immunsystem der Ureinwohner und rafften allein zwischen 1835 und 1850 schätzungsweise 40 bis 50 % der schwarzen Bevölkerung dahin. Begünstigt wurde die epidemieartige Ausbreitung der Krankheiten durch den ohnehin schon angeschlagenen Gesundheitszustand der Ureinwohner. Alkohol und das weiße Mehl der Briten waren ein schlechter Ersatz für die gesunde Buschnahrung, die sie gewohnt waren.

Verzweifelung, Wut Lind Hoffnungslosigkeit machten sich breit unter den ersten Australiern. Dies wiederum hatte einen negativen Effekt auf die Geburtenrate. Warum Kinder gebären, wenn es nichts mehr gab, was man ihnen weiter vererben konnte? Als nach der vorletzten Jahrhundertwende die Bevölkerungszahl der Aborigines zeitweilig unter 50.000 fiel, hofften viele Briten - manche insgeheim, andere laut verkündend - dass sich das »Problem« Ureinwohner von selbst erledigen würde.

Das Erwachen

Als sich 1901 die Kolonien zu einer Föderation zusammenschlossen, betrachtete man die Aborigines bereits als aussterbende Rasse. Deshalb verschwendete man nicht viel Zeit, die Ureinwohner und ihre etwaigen Rechte in die Verfassung aufzunehmen und erwähnte sie nur an zwei Stellen. Zum einen wurde festgehalten, dass sie rechtlich nicht wie die weißen Bürger der Föderation unterstanden, sondern weiterhin den einzelnen Staaten und zum anderen, dass sie beim offiziellen Zensus ausgeschlossen waren. Aborigines zählten nicht. Demzufolge standen ihnen auch keine Grundrechte, wie Freizügigkeit, freie Meinungsäußerung oder das Wahlrecht zu.

Als schließlich abzusehen war, dass die Aborigines nicht, wie zunächst erhofft, aussterben würden, begann man immer strikter in ihr Leben einzugreifen. Jeder Staat hatte ein eigenes Aborigine-Ministerium, das quasi die Vormundschaft für die Aborigines übernahm und uneingeschränkte Kontrolle über das Leben seiner „Schützlinge“ ausübte. Das Ministerium wiederum ernannte so genannte protectors, die vor Ort für die Ureinwohner zuständig waren. In kleinen Gemeinden übernahm diese Funktion meist die Polizei. Ohne die Zustimmung des Ministeriums durfte kein Ureinwohner heiraten, reisen, den Job wechseln oder Land und Vieh erwerben. Der Besuch eines Lokals, in dem Alkohol ausgeschenkt wurde, war den Aborigines generell untersagt und Ausgangssperren bei Dunkelheit hielten die Ureinwohner von sozialen Aktivitäten wie Kino oder Tanzveranstaltungen fern.

Um Schwarz und Weiß auch räumlich voneinander getrennt zu halten, wurden viele Aborigines von der Regierung in ausgewiesene Reservate zwangsweise umgesiedelt. Die meisten Reservate bestanden lediglich aus einem eingezäunten, staubigen Platz, auf dem sich bestenfalls notdürftig zusammen gezimmerte Wellblechhütten befanden. Andere Ureinwohner wurden von Missionen wie New Norcia in die „Obhut“ genommen und lernten dort statt Nächstenliebe oft nur die Bedeutung von harter Arbeit kennen.

Schwarze, die sich »anständig« benahmen, konnten nach 1934 eine Ausnahmegenehmigung beantragen und dadurch die gleichen Rechte wie ein Weißer erwerben. Eine Steigerung der Ausnahmegenehmigung war die 1943 eingeführte »Staatsbürgerschaft für Aborigines, die gemeinhin als Hundemarke(„dog tag“) bekannt war. Der Aborigine Jack McPhee kommentiert diese paradoxe Staatsbürgerschaft in Sally Morgans Buch „Wanamurraganya - Die Geschichte von Jack McPhee“ verwundert mit folgenden Worten „Es war mir vorher nie in den Sinn gekommen, dass ich kein australischer Bürger war. Ich dachte, jeder der hier geboren war, war ein Australier. Meine Mutter war vor den Weißen hier gewesen, deshalb hätte ich nie gedacht, dass wir als Fremde in unserem eigenen Land angesehen wurden.“

Beide Ausnahmegenehmigungen konnten dem Besitzer sofort wieder entzogen werden, falls dieser bestimmte Auflagen nicht einhielt. Auflagen, die die Ureinwohner zur Aufgabe ihrer Kultur nötigten. So durften sie weder mit anderen Aborigines verkehren (auch nicht mit Familienmitgliedern) noch an ihren traditionellen Zusammenkünften, den corroborees, teilnehmen. Einige akzeptierten dennoch diese Einschränkungen, denn die Hundemarke eröffnete ihnen den Zugang zu besseren Arbeits- und Lebensbedingungen sowie zu sozialen Unterstützung.

Erst in den 60er Jahren verlor das Aborigine-Ministerium einschließlich seiner Hundemarke endgültig die Macht über das Leben der Ureinwohner. Während dieser Zeit entstanden die ersten Bürgerrechtsbewegungen, die sich für die Rechte der Ureinwohner einsetzten. In einem beispiellosen als Freedom Ride bekannten Werbezug, machte 1965 der aboriginal Politiker Charles Perlons zusammen mit einer Gruppe weißer Studenten auf die Rassendiskriminierung in Australien aufmerksam und weckte Sympathie und Verständnis für die Situation der Ureinwohner. Die Bürgerrechtsbewegungen gipfelten in einem 1967 abgehaltenen Referendum, in dem über die Einführung der Bürgerrechte für die Ureinwohner abgestimmt werden sollte. YES sollten all jene wählen, die der Rassendiskriminierung ein Ende setzen wollten. Das Ergebnis war überwältigend. 90.8 % der Wahlberechtigten stimmten für eine Gleichberechtigung von Schwarz und Weiß und beendeten dadurch ein trauriges Kapitel der australischen Geschichte.

Quelle

australienweit - Westaustralien und das Top End
1. Auflage 2005
Verlag 360°, 23970 Gamehl
www.verlag360grad.de

Mit freundlicher Genehmigung des Verlages.